Presse
Die Kultur des feinen Unterschieds
Porzellane der Keramikerin Anke Schulz
Dr. Walter H. Lokau
Berlin-Kreuzberg – draußen gerinnen alle Vorurteile, die gegen den Stadtteil im Geiste schwirren, zur tristen Realität, doch tritt man über die Schwelle der Werkstatt der Keramikerin Anke Schulz, ist es, als träte man in eine andere Welt: Sauber, ordentlich, sachlich, schmucklos sind Attribute, die einem drinnen sehr angenehm, wie Aufatmen die Sinne klären. Nach und nach entdeckt man auch den skurrilen, dabei liebevollen Humor der Werkstatthalterin, der hie und da in seltenen Details sich kundtut: Der kleine Tierskelettschädel, an der weißen Wand zentral aber unauffällig platziert – ein altes Emailleschild, das zu Brandverhütung mahnt – die ragende Kunsthand aus Porzellan, einst wohl Model frühindustrieller Gummihandschuhproduktion. Alles dominierendes Weiß in den Räumen – und albern zieht einem beim Blickeschweifen über die mit Trocknendem und Fertigem dicht bestellten Regale das passend geänderte Kinderlied durch den Kopf: "Weiß, weiß, weiß sind alle meine Töpfe..." – es ist das matte Weiß bisquitnen Porzellans.
Seit 2000 ist Anke Schulz wieder in Berlin und macht nichts anderes als "feines Porzellan", wie auch der Titel ihrer Homepage lautet. Nimmt man die Zeit zusammen – Töpferlehre, Selbständigkeit, Studium an der Akademie für gestaltende Handwerke in Aachen, wieder Selbständigkeit – arbeitet die 1963 Geborene mittlerweile 25 Jahre als Keramikerin und hat in einem Vierteljahrhundert nahezu alles gemacht, was in diesem Bereich zu machen ist: Serie und Unikate, Töpfe und Baukeramik, Steinzeug, Raku – und seit ihrem Studium in Aachen, Zeit der Klärung des eigenen Anspruchs und Ausdrucks, endlich Porzellan, ausschließlich seitdem. Warum die Beschränkung aufs weiße Gold? Leichter, lichter, reiner, sauberer als andere keramische Massen verlangt es äußerste Konzentration und Präzision, in der handwerklichen Verarbeitung wie in der formalen Durchbildung – das entspreche einem Teil ihres Wesens, sagt die leidenschaftliche Töpferin, die sich der stillen und monomanen, fast meditativen Arbeit an der Drehscheibe gern überläßt. Dazu kam die Beschäftigung mit Lichtobjekten, die die Lichtdurchlässigkeit und erstaunliche Farbigkeit dünnen Porzellans nutzen. Und so war die kategorische Hinwendung zum Porzellan die Entscheidung für ein gestalterisches Konzept, das von materialer Ausschließlichkeit und formaler Reduktion gleichermaßen bestimmt wird. Der Spielraum, den sich Anke Schulz auf ihre Weise zugleich einschränkt als auch offenhält, wird minimal, aber unerschöpflich: Hier herrscht, bei aller Kontrolle und Perfektion, die unendliche Freiheit der Nuance. Auch das entspricht ihr – die expressiven Gesten, Heftigkeiten in Form und Glasur, sind ihr fremd geworden. Der handwerkliche und formale Minimalismus, dem die Wahl-Berlinerin sich verschrieben hat, ist eine diffizile Kunst des feinen Unterschieds, gemäß ihrem paradoxen Motto "alles sollte so einfach wie möglich sein, aber nicht einfacher". Wer ihre Gefäße betrachtet und in die Hand nimmt, der muß sein optisches und taktiles Sensorium darum auf kleinste Unterschiede eingestellen – es entgeht ihm sonst fast alles.
Anke Schulz macht es sich und auch dem Betrachter dabei nicht leicht. Angesichts einer Reihe ihrer stets frei auf der Scheibe aus Limoges-Porzellan bis zum Durchscheinen dünn gedrehten und farblos im Innern glasierten Gefäße möchte man zunächst nur Gleichförmiges sehen. Wenige Grundformen beherrschen die Arbeit: Zylinder, von schmalen, handlichen Röhren- bis zu halbmeterdurchmessenden offenen Rundformen – steil sich öffnende Schalen- und Kummenformen auf engem Stand – die standlos schaukelnden Lichtlein, die auf tiefer Wölbung sich nach scharfem Umbruch zur ausladenden Öffnung ein- und hochziehen – weitfahnige flache Tellerschalen mit geringer Innenmulde, die wie konzentrische Rahmen die bergende Frucht, so klein sie auch sein mag, kräftig aus dem Weiß hervortreten lassen. Wenige Arten von Dekor – will man es denn so nennen – oder der Oberflächenbehandlung zieren die reduzierten Formen: Die Zylinder sind oft streng gegliedert in zwei Partien glatter und eng geriefter Wandung, manche auch von exakten dünnen Streifen intarsierten Kobalts rhythmisiert oder sparsamst frei umspielt – die Schalen und Kummen tragen paarweise angeordnet quadratische Aussparungen, manchmal nur gegenüber, manchmal in Drittelung. Doch was hier gleichartig erscheint, offenbart bei genauerem Hinsehen ein irritierend von Gefäß zu Gefäß springendes Spiel aus Differenzen. Je länger man schaut, desto mehr verschwindet im lediglich Ähnlichen das vermeintlich Gleiche. Hier geht es nicht um Serie und Design: Keines der Gefäße ist des anderen mechanischer Zwilling, und doch beziehen sich alle aufeinander. Sie leben aus dem Unterschied. Höhen und Durchmesser oder die Verhältnisse der Gliederungen sind dabei nur das Gröbste an Verschiedenheit. Lauscht man den sachten Schwingungen der niemals starren Wandungen, gerät man schnell ins Mikrotonale der wuchernden Nuancen. Unvermittelt muß man sich entscheiden: Das ästhetische Urteil zieht diese oder jene Form einer anderen prompt vor – der unmeßbare, rätselhafte Unterschied macht es. Gute Arbeiten, jene, bei denen alles zusammenstimmt, seien unfehlbar am schnellsten verkauft, berichtet die Minimalistin – doch lasse jene seltsame Güte aus dem Zusammenspiel geringster Abweichungen sich nicht auf eine Formel bringen. Wer wollte aber auch das absolute, endgültige Gefäß machen? Am wirkungsvollsten sind daher ihre Form- und Schwingungsverhältnisse untersuchenden Gefäße in Paaren oder kleinen Gruppen. Der schnelle Wandel ist für Anke Schulz mittlerweile ohne Reiz – ihr genügt die beharrliche Arbeit am kaum Verschiedenen, ganz in der Tradition einer Keramik, die sich eines jahrtausendealten Formkanons und zugleich des Rätsels des guten Gefäßes bewußt ist. Über den Tag hinaus gültige Gefäße sind, aller Modernität zum Trotz, denn auch ihr Ziel: Die durch die keramische Szene schwappende Porzellanwelle ficht die Monomane nicht an – sie fühlt sich keiner Mode zugehörig.
Ein weiterer Bereich der Arbeit Anke Schulz' sind zylindrische Gefäße, die sie rundherum mit Schrift versieht, mit Bleilettern bestempelt, mit Blindenschrift oder Morsealphabet reliefiert, mit Gebärdenalphabet kobaltblau bezeichnet: Was sie allerdings da schreibt, muß allein für sie bedeuten, Literaturzitate meist, die nicht immer den Publikumsgeschmack treffen.
Der Erfolg gibt ihr recht – es gibt ein Bedürfnis nach dem leise Nuanciertem, das nicht den Novitätenhunger bedient oder die Effektgier füttert. Anke Schulz ist inzwischen mit ihrer Minimal-Kunst in Porzellan bundesweit in Galerien vertreten – derzeit stellt ganz im Südwesten der Republik das Keramikmuseum Staufen, ein Zweigmuseum des Badischen Landesmuseums Karlsruhe, ihre neuesten Arbeiten in einer Einzelausstellung vor. Nichtsdestotrotz verspürt auch sie den Druck des für hochwertiges Kunsthandwerk schwieriger gewordenen Marktes – ließe man sie, sie würde riesige nutzlose Schalen drehen, mit ihren Gefäßen raumfüllende Installationen schaffen oder sie kerzenleuchtend in Massen nächtens auf Gewässern aussetzen – verschwenderische Poesie in Porzellan...
Man verläßt die geordnete Werkstatt in Berlin beruhigt – eine Weile wieder gewappnet gegen die Wirrnis der Welt.